Diplomatie ist besser als Krieg

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Diplomatie ist besser als Krieg

Die Konfliktlinien in der von Aserbaidschan wie Armenien beanspruchten Region Berg-Karabach, wo es seit dem Wochenende zu schweren Gefechten kommt, scheinen klar zu sein: Während Baku auf die Hilfe Ankaras zählt, hofft Jerewan darauf, dass ihm Moskau zur Seite springt. Doch für beide Unterstützer ist ein Eingreifen nicht ohne Risiko, schreiben Kommentatoren.

Aserbaidschan und die Türkei sind eins

Die Türkei wird alles dafür tun, um Aserbaidschan beiseite zu stehen, und dann hat Armenien keine Chance, glaubt Hürriyet Daily News:

„Falls Aserbaidschan türkische Unterstützung braucht, wird es diese bedingungslos bekommen, denn Aserbaidschan ist die Türkei, und die Türkei ist Aserbaidschan. Hoffentlich wird die gegenwärtige Situation, ohne in einen ausgewachsenen Krieg zu münden, in erster Linie durch einen Waffenstillstand und einen erneuten Verhandlungsprozess ersetzt. Die Voraussetzung dafür sollte die bedingungslose Rückgabe der fünf aserbaidschanischen Regionen rund um den Berg-Karabach-Distrikt sein. Ansonsten ist Aserbaidschan in der Lage, sein gesamtes besetztes Territorium mit der eigenen militärischen Stärke und, falls nötig, mit der bedingungslosen Unterstützung der Türkei, zu befreien.“

Ankara wird Position in der Region stärken

Für die HuffPost Greece gibt es drei Szenarien, wie sich der Konflikt entwickeln könnte:

„Erstens, wenn Armenien sich erneut durchsetzt, muss Ankara aktiver werden, um Aserbaidschan zu unterstützen. … Gleichzeitig ist die Verteidigung Jerewans durch Moskau eine unbedingte Voraussetzung für die Fortsetzung der pro-russischen Politik Armeniens. Ankara würde also in direkte Konfrontation mit Moskau geraten. … Zweitens, wenn Aserbaidschan siegt, wird Russland aus eben den Gründen, die wir gerade analysiert haben, eingreifen. Auch dann befindet sich die Türkei im Dilemma einer Intervention gegen Russland. … Drittens, wenn der Konflikt den Status quo nicht ändert, wird sich Baku besiegt fühlen und folglich auch Ankara. … Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Türkei ihre militärische Präsenz in Aserbaidschan nach der Krise aufrechterhält, um ihre Position weiter zu stärken.“

 Nato-Partner müssen Erdoğan bremsen

Die westlichen Bündnispartner dürfen den türkischen Präsidenten bei dessen Machtspielen in der Region nicht gewähren lassen, mahnt The Times:

„Dass sich die USA nicht mehr einbringen, erschwert die Friedensbemühungen. Dieser offensichtliche Rückzug hat Aserbaidschan ermutigt, eine Militäroffensive zu starten. Es hat zudem Recep Tayyip Erdoğan ermutigt, seine nationalistische Rhetorik zu verschärfen. Dies stellt eine Bedrohung für die Region dar, und der Nato kommt eine entscheidende Rolle dabei zu, ihren Verbündeten in Ankara zurückzuhalten. … Wenn der Westen kein Interesse an der Region zeigt, wird Erdoğan seine Chance zur Selbstverherrlichung und zum Zündeln wittern. Im Interesse von Frieden und Stabilität in einer Zeit der internationalen Krise muss dem Einhalt geboten werden.“

Jerewans mächtige Unterstützerin in L.A.

Die wichtigste Bündnispartnerin der Armenier ist US-Promi Kim Kardashian, meint der Publizist Iwan Jakowyna auf nv.ua:

„Die ultrapopuläre Schauspielerin, Bloggerin und Geschäftsfrau aus Los Angeles hat bereits ihre Armee von 250 Millionen Abonnenten in verschiedenen sozialen Netzwerken zum Schutz Armeniens mobilisiert. Unter anderem forderte sie ihre Fans auf, ihre Senatoren und Kongressabgeordneten anzurufen, um so Druck auf die Türkei und Aserbaidschan auszuüben. Sie bittet die Abonnenten auch jeden Tag, eine Petition zur Verteidigung Armeniens an die Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump zu senden. Vor der Wahl des US-Präsidenten, des Senats und des gesamten Repräsentantenhauses sind die 250 Millionen Abonnenten von Kim eine sehr ernstzunehmende Kraft.“

Das Völkerrecht hilft hier nicht weiter

Die internationale Gemeinschaft ist mit dem Konflikt um Berg-Karabach überfordert, meint Duma:

„Der erneut aufgeflammte armenisch-aserbaidschanische Konflikt hat die internationale Gemeinschaft aus dem politischen Schlaf geweckt. … Aber selbst jetzt ist es unwahrscheinlich, dass sie einen Weg findet, den Konflikt endgültig zu lösen. … Dies liegt hauptsächlich daran, dass beide Kriegsparteien sündig wie gerecht zugleich sind. … Die internationale Gemeinschaft fühlt sich machtlos, denn das Völkerrecht gibt ihr keine Auskunft darüber, was höher steht: das Recht auf Selbstbestimmung oder die Unverletzlichkeit der Staatsgrenzen.“

 Stalins unselige Neuordnung

Nur Moskau kann das Pulverfass entschärfen, ist Pravda überzeugt:

„Für Präsident Ilham Alijew in Baku gehört Berg-Karabach zu Aserbaidschan, was angeblich durch seine tausendjährige Geschichte bestätigt wird. Er vergisst dabei, dass das Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg zum unabhängigen Armenien gehörte und 95 Prozent der Bevölkerung Armenier waren. Unter Stalin wurde es Aserbaidschan zugewiesen. … In den folgenden Jahrzehnten wurden die Menschen in Berg-Karabach massiv diskriminiert. Dem Konflikt, der schließlich 1988 seinen Höhepunkt fand, gingen mehrere Pogrome gegen Armenier voraus. Jetzt kann nur Russland die beiden Parteien aufhalten. Es ist fraglich, wie sich Moskau verhalten wird, wenn es im Südkaukasus richtig heiß wird.“

Auf Brüssels Hilfe hoffen, mit Putins Hilfe rechnen

Antonia Arslan, italienische Schriftstellerin armenischer Herkunft, befürchtet in La Stampa, dass Europa Armenien im Stich lassen wird:

„In diesem lokalen Konflikt spielt ein zweites Element eine wichtige Rolle: Der neo-osmanische Ehrgeiz von Erdoğan, der die ethnisch-kulturelle Affinität zwischen Türken und Aseris ausnutzt, um seinen geopolitischen Einfluss weiter auszubauen. Es wäre schön, dazu die Stimme Europas zu hören. Ich befürchte jedoch, dass auch diesmal Zurückhaltung herrschen wird: Wer auf dem alten Kontinent will schon für Berg-Karabach sterben? Niemand wollte 1939 für Danzig sterben, von Stepanakert heute ganz zu schweigen. … Wir Armenier sind allein. Derzeit ist die einzige Macht, die sich wirklich gegen die Türkei stellt, Russland, und so hoffen wir zwar mit dem Herzen auf Hilfe aus Brüssel, wissen aber mit dem Kopf, dass wir maximal mit der Hilfe Putins rechnen können.“

Eurotopics.net

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