Mär von der Frauenbefreiung

Afghanistan: Westen instrumentalisiert Feminismus für eigene Interessen. Kampf um gleiche Rechte schon seit 60er Jahren torpediert

Schabnam Dawran ist Nachrichtenmoderatorin in Afghanistan, doch sie kann ihren Beruf nicht länger ausüben: »Das Regime hat sich geändert. Du darfst hier nicht rein. Geh nach Hause!«, haben die Taliban der Journalistin des Senders RTA nach ihrer erneuten Machtübernahme gesagt, teilte Dawran in einem am 18. August auf Twitter verbreiteten Video mit. Sie habe »allen Mut zusammengenommen« und sei zum Sender gefahren, sei dort jedoch vor der Tür abgewiesen worden. Ihre männlichen Kollegen wären problemlos reingekommen, so Dawran. Am Ende des Videos forderte sie Hilfe: »Mein Leben ist in Gefahr!«

»Garantien« der Taliban
Nach den in westlichen Medien zunächst kolportierten »Garantien« der neuen Machthaber in Kabul, Pressefreiheit und Frauenrechte »achten zu wollen«, zeigten sich diese schließlich doch besorgt, die Taliban könnten die angeblich von NATO-Truppen gesicherten Rechte von afghanischen Mädchen und Frauen wieder beseitigen: Es könne ähnlich werden wie während der Herrschaft der Taliban im Islamischen Emirat Afghanistan (1996 bis 2001), als die Islamisten vor allem für die Unterdrückung von Frauen und Mädchen bekannt waren, heißt es.

Allerdings kam es nicht erst während des ersten Taliban-Emirats zur Unterdrückung von Frauen, aus der sie der NATO-Einmarsch vorgeblich »befreite«. Diese bis heute gepflegte Mär des Westens stellt die Geschichte Afghanistans und speziell des Freiheitskampfes der Frauen auf den Kopf. Im 2001 von der US-geführten Kriegsallianz begonnenen Angriff auf das Land ging es nie um die Befreiung der Frau. Wer das dennoch behauptet, will vergessen machen, dass es gerade die USA, ihre Geheimdienste und europäischen Verbündeten waren, die den in den 1960er Jahren von den afghanischen Frauen begonnenen Kampf um Gleichberechtigung niederschlugen.

Damals hatte der gesellschaftliche Aufbruch vor allem die urbane Jugend erfasst, und es entstand eine starke säkulare Studenten- und Frauenbewegung. Sozialistische und kommunistische Organisationen wurden gegründet, und linke Parteien entwickelten revolutionäre Programme für eine demokratische Umgestaltung. Wie in anderen Teilen der Welt war dieser Aufbruch sicher auch in Afghanistan mit taktischen und strategischen Fehlern behaftet, aber dennoch ein kolossaler Fortschritt.

Anstrengungen verschwiegen
Eine Zeitzeugin dieser Entwicklung ist die US-amerikanische Journalistin Marilyn Bechtel, die seit 1986 der Redaktion der People’s World (PW) angehört und bis heute für die marxistische Onlinezeitung schreibt. Sie besuchte das Land Anfang der 1980er Jahre mehrmals: Es sei viel über die »Ereignisse des 11. September und über die verzweifelte Lage des afghanischen Volkes unter der Fuchtel der theokratischen, diktatorischen Taliban (…) gesprochen worden«, schrieb Bechtel 2001 für PW. Auch »die Rolle der USA beim Aufbau der Mudschaheddin-Kräfte, einschließlich der Taliban« sei thematisiert worden, »wobei das meiste davon untertrieben war«. Aber selten sei es dabei um die Anstrengungen gegangen, »die das afghanische Volk in den späten 1970er und 1980er Jahren unternahm, »um sich vom Erbe der unablässig Krieg führenden Stämme und Feudalherren zu befreien und einen modernen demokratischen Staat aufzubauen«.

Sowjetische Hilfe
Auch über die Politik der Sowjetunion in diesem Prozess seien viele Worte gefallen – »meist verzerrt«, wie die Journalistin konstatierte. Denn dabei sei es nie um die fortschrittliche Rolle gegangen, die die junge Sowjetunion lange vor 1978 spielte. Anders als das zaristische und das britische Imperium habe die »neue revolutionäre Regierung in Moskau die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannt« und das Land schon seit den 1920er Jahren beim Aufbau erster Infrastrukturprojekte unterstützt. Tausende junge Afghaninnen und Afghanen hatten in den folgenden Jahrzehnten sowjetische Universitäten besuchen können.

Die in Afghanistan geborene Journalistin Sahra Nader zog in einem Gespräch mit dem US-Nachrichtensender Democracy Now! vom 19. August ebenfalls eine vernichtende Bilanz zur Rolle Washingtons im Land seit den späten 1970er Jahren. »Die USA unterstützten die afghanischen Mudschaheddin, eine fundamentalistische Islamistengruppe, die einen Stellvertreterkrieg gegen die Sowjets führte.« In dieser Zeit seien die Rechte der Frauen und die Menschenrechte generell für niemanden in den USA oder anderen westlichen Ländern von Bedeutung gewesen. »Vor dem 11. September 2001 schien es, als ob wir Frauen nicht existierten«, erklärte Nader, »aber dann haben sie uns benutzt, um den Krieg führen zu können.« Indem die von den USA aufgerüsteten Milizen seit den 1980er Jahren ihre Aufgabe erfüllten, den Einfluss der Sowjetunion mit Gewalt zurückzudrängen, zerschlugen sie gleichzeitig alle progressiven Ansätze im Land und wiesen den Frauen lediglich den Platz im Haus zu – wie kürzlich Schabnam Dawran.

Photo : Richard Ellis/imago images

 Afghanische Dorfverteidigungskräfte am 26. April 1988 bei der Parade in Kabul

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